B-Rezept-Nachverfolgungssystem

B-Rezept-Nachverfolgungssystem

Inhalt der bevorstehenden rezeptpflichtigen Pestizidvermarktung in der Türkei

Pestizidrückstände stehen seit einigen Jahren weltweit im Fokus der Agrarpolitik und der Kontrollmechanismen. Aus der Europäischen Union zurückgewiesene Exportprodukte, verschärfte Grenzkontrollen sowie öffentlich bekannt gewordene Rückstandsfälle zeigen deutlich, dass der Einsatz von Pestiziden nicht nur auf dem Feld, sondern entlang der gesamten Kette vom Feld bis zum Teller nachvollziehbar sein muss. In diesem Zusammenhang sind Pestizidrückstandstests nicht mehr nur ein analytisches Instrument, sondern haben sich zu einem zentralen Vertrauensindikator für Transparenz in der landwirtschaftlichen Produktion entwickelt.

In der Türkei wurde der Einsatz von Pestiziden bislang überwiegend über Eigenerklärungen der Erzeuger, physische Rezepte und Analysen am Ende der Produktionskette kontrolliert. Dieses System war jedoch eher reaktiv als präventiv ausgerichtet. Genau aus diesem Grund stellt das vom Ministerium für Land- und Forstwirtschaft entwickelte B-Rezept-Nachverfolgungssystem einen grundlegenden Wandel im Umgang mit Pestiziden in der Landwirtschaft dar.

Mit dem B-Rezept-System wird das Pestizid nicht mehr nur als Handelsware betrachtet, sondern als ein datengestützter Prozess, der verschrieben, angewendet, geerntet und rückwirkend analysiert werden kann. Dieser Wandel markiert für Erzeuger, Kontrollbehörden und Labore für Pestizidrückstandsanalysen den Beginn einer neuen Ära.

Nach Angaben von Landwirtschaftsminister İbrahim Yumaklı wird das System:

  • ab dem 1. Januar 2026 pilotweise in Mersin, Samsun, Ankara und Kırklareli eingeführt;
  • ab dem 1. Juli 2026 landesweit in allen 81 Provinzen verpflichtend umgesetzt.

Landwirte können Pestizidwirkstoffe künftig ausschließlich auf Grundlage eines elektronischen Rezepts (B-Rezept) erwerben. Dieses Rezept wird von einem vom Ministerium autorisierten Agraringenieur über das digitale System ausgestellt.

Gleichzeitig werden Verkaufs- und Anwendungsdaten von Pestiziden, individuelle Erzeugerinformationen sowie parzellenbezogene Angaben elektronisch im System des Ministeriums erfasst. Dadurch wird eine vollständige Rückverfolgbarkeit sowohl beim Verkauf als auch bei der Anwendung gewährleistet.

Wie funktioniert das System?

Verkaufs- und Rezeptierungsprozess

  • Der Pestizidverkauf erfolgt unter Berücksichtigung der Kultur- und Parzellendaten des Erzeugers.
  • Rezepte dürfen ausschließlich von autorisierten Agraringenieuren elektronisch ausgestellt werden.
  • Dosierung, Wirkungsbereich, Anwender und Parzelle werden vollständig digital erfasst.

Anwendung und Dokumentation

  • Die Anwendung in Feldern und Gewächshäusern darf nur durch autorisierte Erzeuger, professionelle Anwender oder Hilfspersonen erfolgen.
  • Der Anwender dokumentiert im System, welches Pestizid auf welcher Parzelle und in welcher Menge eingesetzt wurde.

Ernte- und Vermarktungsverfolgung

  • Erntedaten werden vom Erzeuger in das System eingegeben.
  • Beim Verkauf erhält der Käufer einen parzellenbezogenen Auszug aus dem Pestizid- und Erntejournal, wodurch die Rückverfolgbarkeit vom Feld bis zum Verbraucher sichergestellt wird.

Internationale Beispiele: Pestizid-Monitoring- und Rezeptiersysteme

Die digitale Überwachung des Pestizideinsatzes, wie sie mit dem B-Rezept in der Türkei eingeführt wird, ist kein neues Konzept. In vielen Ländern existieren vergleichbare Systeme:

• Kalifornien, USA — Pesticide Use Reporting (PUR)

Im US-Bundesstaat Kalifornien wird der Pestizideinsatz seit den 1990er-Jahren gesetzlich über das Pesticide Use Reporting-System erfasst. Diese Berichte dienen nicht nur der Dokumentation, sondern unterstützen Behörden bei der Planung von Lebensmittelsicherheits-, Umwelt- und Arbeitsschutzprogrammen.

• Gute Agrarpraxis (GAP) in Europa

In zahlreichen EU-Mitgliedstaaten ist der Pestizideinsatz im Rahmen der Good Agricultural Practices (GAP) standardisiert und rückverfolgbar. Ziel ist die Reduzierung von Rückstandsrisiken durch MRL-Grenzwerte und verpflichtende Dokumentation.

Darüber hinaus werden im globalen Kontext der Precision Agriculture digitale Technologien wie IoT-Sensoren und Fernerkundung eingesetzt, um den Pestizideinsatz zu optimieren und nutzungsbasierte Daten an Forschungseinrichtungen zu übermitteln.

Bewertung der globalen Wirksamkeit

Internationale Erfahrungen zeigen, dass digitale Pestizid-Monitoring-Systeme kurzfristig keine sofortigen Wunder bewirken, mittel- und langfristig jedoch messbare Verbesserungen erzielen. Insbesondere das kalifornische PUR-System hat über Jahre hinweg eine belastbare Datenbasis geschaffen, die zur Reduktion übermäßiger und unnötiger Pestizidanwendungen beigetragen hat. Wissenschaftliche Studien berichten nach Einführung solcher Systeme von Rückgängen bestimmter Wirkstoffe um 10–30 %.

In der Europäischen Union ermöglichen verpflichtende Dokumentations- und Rückverfolgbarkeitssysteme eine schnelle Rückruf- und Verantwortlichkeitszuordnung bei Grenzwertüberschreitungen. Der Erfolg dieser Systeme hängt jedoch maßgeblich von der Akzeptanz durch die Erzeuger, der Kontrolldichte und der digitalen Infrastruktur ab. Während solche Anwendungen in entwickelten Ländern zunehmend Standard werden, ist der Pestizideinsatz weltweit in vielen Regionen weiterhin unzureichend dokumentiert.

Insgesamt sind digitale Pestizid-Nachverfolgungssysteme noch nicht flächendeckend global etabliert, entwickeln sich jedoch in exportorientierten Ländern mit hohen Anforderungen an Lebensmittelsicherheit zunehmend zu einem unvermeidlichen Standard. Vor diesem Hintergrund stellt das B-Rezept-Nachverfolgungssystem für die Türkei nicht nur eine Binnenmarktregelung dar, sondern einen strategischen Schritt im Hinblick auf internationalen Handel, Pestizidrückstandstests und das nationale Image.

Erwartete Vorteile und Herausforderungen der rezeptpflichtigen Pestizidvermarktung

Vorteile

✅ Rückverfolgbarkeit und Transparenz Durch elektronische Rezepte und digitale Aufzeichnungen wird eine rückwirkende Kontrolle des Pestizideinsatzes möglich.

✅ Vermeidung von Überdosierung Die Kontrolle von Verkauf und Anwendung kann den übermäßigen Einsatz reduzieren und Rückstandsniveaus senken.

✅ Erhöhte Lebensmittelsicherheit Die Verknüpfung von Anwendungsdaten mit Pestizidrückstandstests ermöglicht präzisere Risikoanalysen.

Herausforderungen

⚠️ Kosten und Schulungsbedarf Insbesondere für kleine Betriebe erfordert die Umstellung Zeit und Weiterbildung.

⚠️ Datenqualität und Compliance Die Richtigkeit und Aktualität der eingegebenen Daten bedarf konsequenter Kontrolle.

⚠️ Ungleicher Zugang zu Technologie Infrastrukturdefizite in ländlichen Regionen können die Umsetzung erschweren.

Digitale Lösungen für das Pestizidproblem

Pestizide sind chemische Mittel zur Bekämpfung von Schadorganismen und spielen eine wichtige Rolle für Ertrag und Produktqualität. Übermäßiger oder falscher Einsatz erhöht jedoch das Risiko von Rückständen und stellt eine Gefahr für Mensch und Umwelt dar.

Während traditionelle Systeme auf manuellen Rezepten und Aufzeichnungen basierten, ermöglichen digitale Nachverfolgungssysteme wie das B-Rezept eine transparentere, datenbasierte Steuerung des Pestizideinsatzes.

Für Anbieter von Pestizidrückstandstests schafft diese digitale Transformation die Grundlage für umfassendere, standortbezogene Analysen und zuverlässigere Rückstandsprofile für Erzeuger und Verbraucher.

Quellen