In Europa wird der Einsatz von Pestiziden seit Langem intensiv diskutiert, insbesondere im Hinblick auf Umwelt- und Gesundheitsrisiken. Jüngste Untersuchungen zeigen, dass Lebensmittel häufig mehrere Wirkstoffe gleichzeitig enthalten und dass dieser „Koktaileffekt“ in den bestehenden Vorschriften nicht ausreichend berücksichtigt wird. Dennoch wächst der Druck aus bestimmten politischen und industriellen Kreisen, die Pestizidkontrollen zu lockern.
Die zentrale Begründung, die der Öffentlichkeit präsentiert wird, klingt dabei äußerst positiv: die Beschleunigung des Übergangs zu Biokontroll-Alternativen.
Wie kam die Forderung nach einer Lockerung zustande?
Die Idee, Kontrollen zu lockern, gewann insbesondere im Zusammenhang mit der EU-Rhetorik an Bedeutung, Landwirte zu entlasten und bürokratische Hürden abzubauen. Steigende Kosten in der Landwirtschaft, sinkende Erträge infolge der Klimakrise sowie Störungen in den Lieferketten nach dem Ukraine-Krieg verstärkten die Argumentation, dass die bestehenden Vorschriften „zu streng“ seien.
Das zentrale Argument lässt sich wie folgt zusammenfassen:
„Wenn Zulassungsverfahren und Anwendungskontrollen für Pestizide gelockert werden, können Landwirte schneller von chemischen Pestiziden auf Biokontrollprodukte umsteigen.“
Organisationen wie das PAN Europe sowie unabhängige Wissenschaftler widersprechen jedoch und betonen, dass diese Annahme wissenschaftlich nicht belegt ist und in der Praxis sogar gegenteilige Effekte haben könnte.
Was bedeutet das Narrativ der „Biokontrolle“ tatsächlich?
Biokontrolle bezeichnet den Einsatz von Nützlingen, Mikroorganismen oder natürlichen Substanzen zur Bekämpfung von Schädlingen. Theoretisch handelt es sich um einen umweltfreundlichen Ansatz. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass der Begriff zunehmend als Marketing- und Regulierungsinstrument genutzt wird.
Laut PAN Europe:
„Das Narrativ der Biokontrolle dient als Deckmantel, um die Kontrolle über risikoreiche chemische Pestizide zu lockern.“
Tatsächlich werden in vorgeschlagenen Gesetzesänderungen Biokontrollprodukte und chemische Pestizide häufig im selben regulatorischen Rahmen behandelt. Trotz ihrer grundlegend unterschiedlichen Risikoprofile unterliegen sie ähnlichen Verfahren. Dies birgt die Gefahr, dass Prüfanforderungen reduziert und langfristige Toxizitätsbewertungen vernachlässigt werden.
Wer unterstützt diesen Ansatz?
Zu den Befürwortern der Deregulierung zählen einige landwirtschaftliche Verbände, Lobbygruppen sowie Plattformen, die unter dem Schlagwort „innovative Landwirtschaft“ agieren. Auf europäischer Ebene ist insbesondere CropLife Europe hervorzuheben.
Diese Organisation vertritt große Pestizidhersteller wie Bayer, BASF, Syngenta und Corteva.
Ein zentraler Punkt ist, dass auch der Markt für Biokontrollprodukte zunehmend von denselben multinationalen Unternehmen dominiert wird. Das bedeutet, dass eine Lockerung der Kontrollen nicht nur chemische Pestizide betrifft, sondern auch die als „natürlich“ vermarkteten Produkte dieser Konzerne begünstigt.
Organisationen wie Corporate Europe Observatory bezeichnen diese Situation ausdrücklich als Interessenkonflikt.
Was sagen Wissenschaft und Zivilgesellschaft?
Unabhängige Toxikologen und Experten für Umweltgesundheit betonen, dass die derzeitigen Pestizidtests bereits unzureichend sind. Insbesondere die Auswirkungen langfristiger Niedrigdosis-Exposition sowie die kombinierten Effekte mehrerer Substanzen sind noch nicht ausreichend erforscht.
Die European Environment Agency hat in ihren Berichten darauf hingewiesen, dass Pestizidbelastung mit Biodiversitätsverlust, Bodendegradation und Störungen des Hormonsystems in Zusammenhang steht. Dennoch scheinen Forderungen nach einer Lockerung der Kontrollen eher wirtschaftlich als wissenschaftlich motiviert zu sein.
Was wäre eine tatsächliche Lösung?
Nach Ansicht von Kritikern liegt die Lösung nicht in der Lockerung, sondern in der Verschärfung der Kontrollen. Dazu gehören umfassendere Prüfverfahren, eine unabhängige und transparente Bewertung auch von Biokontrollprodukten sowie strukturelle Unterstützung für Landwirte, um ihre Abhängigkeit von chemischen Betriebsmitteln zu reduzieren.
Andernfalls besteht die Gefahr, dass das Label „Biokontrolle“ lediglich zu einem Instrument des Greenwashings in der Pestizidpolitik wird.
Quellen (mit Erläuterungen)
- PAN Europe – Pestizidregulierung und Biokontroll-Debatten
- Corporate Europe Observatory – Agrarlobby und EU-Politik
- European Environment Agency (EEA) – Umweltauswirkungen von Pestiziden
- CropLife Europe – Branchenperspektiven